Während Coop und Migros ihre Onlineshops ausbauen, setzen Discounter auf stationäre Filialen.

Schweizer shoppen immer häufiger beim Discounter. Insbesondere Lidl Schweiz legte im letzten Jahr kräftig zu. Mit 10,4 Prozent mehr Umsatz übertrumpfte die deutsche Kette im letzten Jahr beim Wachstum alle Konkurrenten. Dennoch liegt Lidl mit einem Umsatz von 1,060 Milliarden Franken noch hinter den direkten Mitbewerbern, die ebenfalls kräftig zulegten.

Aldi Suisse wuchs 2017 um 2,6 Prozent, Migros-Tochter und Platzhirsch unter den Discountern, Denner, um 3 Prozent. Und das, obwohl Aldi & Co. komplett auf Onlineshops verzichten. Ihr Wachstum rein im stationären Handel geht auf Kosten der anderen Anbieter: Die Migros verbuchte im letzten Jahr sogar ein Umsatzminus von 0,7 Prozent, Coop wuchs nur um 0,7 Prozent.

Starker Ausbau bei Filialen

Ein Grund für das Wachstum bei den Billigläden sei die Zunahme der Verkaufsstellen, erklärt Thomas Hochreutener, Detailhandelsexperte bei den Marktforschern GFK Schweiz. Aldi Suisse und Lidl Schweiz bauen hier kräftig aus. Lidl Schweiz betreibt in der Schweiz mittlerweile über 119 Filialen, Aldi Suisse 191 Läden, während die Migros-Tochter Denner bereits über mehr als 800 Geschäftsstellen verfügt.

Laut GFK entstanden 2010 bis 2017 31 Prozent mehr Verkaufsstellen von Food-Discountern, während vor allem der Fachhandel auch im Lebensmittelbereich Geschäfte schliessen musste.

Enorme Werbemaschinerie

Zudem hätten die Billigläden eine enorme Werbemaschinerie im Hintergrund. «Sie gehen mit den Trends zu lokalen, nachhaltigen Produkten mit und werden damit zur Alternative zu den herkömmlichen Giganten Migros und Coop», so Hochreutener. Gleichzeitig ändert sich das Konsumverhalten der Kunden: «Vor zehn Jahren war es noch verpönt, beim Discounter einzukaufen. Die Schweizer gewöhnen sich aber langsam an die ausländischen Anbieter», sagt Hochreutener.

Einfluss auf die Preise bei den regulären Detailhändlern scheinen die Discounter aber noch nicht zu haben. Die hauseigenen günstigeren Linien dümpeln vor sich hin: «Die Umsätze bei den eigenen Billigmarken von Coop und Migros, wie Prix Garantie oder M-Budget, sind eher rückläufig», so Hochreutener.

Im Vergleich zum deutschen Markt seien die Marktanteile der Discounter in der Schweiz immer noch bescheiden, sagt der Detailhandelsexperte. Denner, Aldi Suisse und Lidl Schweiz machen insgesamt rund 6 Milliarden Franken Umsatz – das sei im Lebensmittelhandel gerade mal ein Anteil von rund 15 Prozent, so Hochreutener. «Damit ist man noch weit vom deutschen Markt entfernt, auf dem rund 40 Prozent der Kunden ihre Lebensmittel beim Discounter kaufen.»

Hohe Logistikkosten bei Lebensmitteln

Das dürfte sich allerdings ändern, wenn sich der Trend fortsetzt. Das Wachstum bei den Discountern erstaunt besonders, weil sie mehrheitlich auf den Onlinehandel verzichten, während in der Branche immer wieder die Wichtigkeit dieses Vertriebskanals betont wird. Coop und Migros sind seit vielen Jahren im Onlinehandel tätig. Für Lebensmittel betreibt Coop den Onlineshop [email protected], Migros verkauft Ware über Le Shop. Die Discounter machen derweil ihre Umsätze primär mit stationären Läden.

Lidl experimentiert zwar mit dem Versand von Foodboxen, setzt aber sonst auf stationäre Läden. In der Zürcher Innenstadt hat der Discounter zuletzt eine erste Edelfiliale eröffnet. Denner beschränkt sein Onlineangebot auf das Weingeschäft. Sonst konzentriere sich die Kette auf das stationäre Geschäft, sagt eine Sprecherin. Aldi Suisse verzichtet sogar ganz auf den Onlinevertrieb. In der Schweiz scheine das Kundenbedürfnis nach der Heimlieferung von Frischeartikeln noch vergleichsweise gering, sagt ein Sprecher. Entsprechend sei ein Eintritt in den Onlinehandel durch Aldi Suisse derzeit nicht geplant.

Onlineversand lohnt sich bei Kaffeekapseln und Wein

Das Problem beim Onlineverkauf von Lebensmitteln sei, dass die absolute Marge pro versandtes Warenstück tief, die Logistikkosten fürs Verpacken und Verschicken der Ware aber relativ hoch seien, sagt Patrick Kessler, der Chef des Verbandes des Schweizerischen Versandhandels. Sprich: Die Transaktionskosten in der Logistik «fressen» die Marge bei der Mehrzahl der Food-Artikel gleich wieder weg. Der Onlineverkauf von vier Litern Milch koste den Händler etwa gleich viel wie der Verkauf von 200 Nespressokapseln, so Kessler.

Der Versand von Lebensmitteln über den Onlinekanal lohne sich vor allem bei Produkten mit hohen absoluten Margen – etwa bei Nespressokapseln, Wein oder Qualitätsfleisch. Bei den Discountern seien die absoluten Margen noch tiefer als bei den «Standardanbietern», ergänzt Kessler. Für Billigläden ergebe ein Onlineshopping-Konzept deshalb noch recht wenig Sinn.

Mindestmengen zu gross

Bei Discountern brauche es grosse Bestellmengen oder einen hohen Automatisierungsgrad im Versand, damit sich der Verkauf über Onlinekanäle rechne, sagt Kessler. Beides sei derzeit nicht der Fall. Modelle wie die Foodboxen von Lidl rechneten sich für die Discounter eher, da die Logistikkosten dank Standardisierung des Inhalts im Rahmen gehalten würden, so Kessler. Der Einschätzung von Hochreutener zufolge machen aber auch diese Boxen derzeit nur wenig Umsatz.

Auch die Kunden sind beim Bestellen von Lebensmitteln über die Onlinekanäle noch zurückhaltend. Für viele sei das Angebot mit Mindestbestellmengen und Versandkosten nicht attraktiv, so Hochreutener. Bei Le Shop und [email protected] müssen Kunden für mindestens 99 Franken respektive 99.90 Franken einkaufen, um von der Home-Delivery Gebrauch machen zu können. Solange Händler nicht auf kundenfreundlichere Modelle umstiegen, werde der Anteil des Online-Lebensmittelhandels am Gesamtmarkt wohl gering bleiben. Derzeit werden laut Hochreutener nur rund zwei Prozent aller Lebensmittel online verkauft. Er nennt diesen Vertriebskanal darum auch die «Königsdisziplin». (Tages-Anzeiger)

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here